Mit einem Knack ist alles weg.

Mit einem Knack ist alles weg.
Seit geraumer Zeit sind Videos und Therapeuten online, die mit einem Knack alles lösen. In diesem Blogartikel möchte ich erklären, warum das Thema umstritten ist, dass Blockaden lösen alleine oft nicht die einzige Lösung ist, dass auch Osteopathen solche Techniken nutzen und was man als Tierhalter vorbeugend machen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Menschen oder Tiere sind. Warum ich das sehr reißerisch finde und leider geraumes Wissen um das Thema „einrenken“ fehlt, möchte ich hier erklären.
Was passiert denn genau beim Knacken im Körper?
Viele denken ja immer noch, da springt „etwas zurück an seinen Platz“. Genau an der Stelle darf man ehrlich sein: Der Begriff einrenken gehört eigentlich aussortiert. Er vermittelt ein Bild, das so im Körper nicht stattfindet.
Ich möchte es einmal einfach runterbrechen: Im Gelenk sitzt eine Flüssigkeit, in der Gase gelöst sind. Wenn durch eine schnelle Bewegung oder einen gezielten Impuls Zug auf das Gelenk kommt, verändert sich der Druck. In genau diesem Moment entstehen kleine Gasbläschen oder sie verändern sich schlagartig. Das nennt man Kavitation oder genauer Tribonukleation und dabei entsteht das typische Knacken. Das heißt ganz klar: Da wird nichts „wieder reingeschoben“. Es ist ein physikalischer Effekt im Gelenk. Es geht um eine Bewegung im Mikrometerbereich.

Wichtig an dieser Stelle: Ein Knacken ist kein Qualitätsmerkmal für eine gute Behandlung. Viele effektive Techniken kommen komplett ohne Geräusch aus.
Und noch etwas, das man wissen sollte: In manchen Videos werden Knackgeräusche bewusst verstärkt oder sogar nachträglich eingefügt, um einen stärkeren Höreffekt zu erzeugen. Das macht das Ganze natürlich spektakulärer, hat aber nichts mit der tatsächlichen Qualität der Behandlung zu tun.
Und jetzt der Punkt, der mir in der Praxis als Tierosteopathin extrem wichtig ist: Wenn wirklich etwas ausgerenkt wäre, also eine echte Luxation vorliegen würde, dann hätten wir kein kurzes Knacken und danach läuft das Tier wieder. Dann hätten wir ein deutliches Problem. Das Tier würde das Gelenk kaum noch belasten, hätte Schmerzen und müsste tierärztlich versorgt werden. In vielen Fällen braucht es dafür eine Sedation oder sogar eine Operation, um das Gelenk wieder korrekt zu positionieren.
Ein Knacken während einer Behandlung hat damit nichts zu tun.
Manchmal können auch andere Strukturen Geräusche machen, zum Beispiel wenn Sehnen oder Bänder über knöcherne Punkte gleiten oder sich kleine Haftstellen im Gewebe lösen. Das kann vorkommen. Das klassische Knacken im Gelenk entsteht aber in der Regel durch diese Druckveränderung in der Gelenkflüssigkeit.
Warum hilft diese Technik dann aber offensichtlich?
Wenn sich eine Blockade löst, ist das eine unheimliche Erleichterung. Der Schmerz geht meist zurück, die Muskulatur sowie die Nerven atmen durch und können zur Ruhe kommen. So wird es meist verkauft. In den meisten Videos sehe ich jedoch sehr gestresste Tiere mit klassischen Stressanzeichen. Sie schütten eine Menge Stresshormone aus und somit kann das System nicht zur Ruhe kommen.
Warum ist das so wichtig? Wenn ich möchte, dass die Muskulatur entspannt, da sie einer der wichtigsten Faktoren für solche Techniken ist, muss der Patient so gut es geht entspannen. An dieser Stelle sollte kurz erwähnt werden, wer denn so alles zu den Stresshormonen gehört: Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Wenn man sich bewusst macht, wozu diese Hormone dienen, ist es nicht erstaunlich, warum die Tiere nach so einem Stress auf einmal gut laufen. Überspitzt könnte man sagen, sie stehen unter Schock. Man sieht leider meist auch keinen „Vorher-Nachher-Vergleich“.
Was man dabei verstehen muss: Der Effekt entsteht weniger durch eine mechanische Veränderung im Gelenk, sondern eher durch eine kurzfristige Anpassung im Nervensystem.
Hier kommt ein kleiner Einblick in meinen Alltag. Wenn Patienten immer und immer wieder solche Techniken brauchen, werde ich zügig hellhörig. Dann stimmt an einer anderen Stelle etwas nicht. Bei Instabilitäten im Bewegungsapparat ist es nicht ungewöhnlich, dass die Blockade nach wenigen Minuten und Stunden wieder da ist. Sie entsteht meist ja durch mangelnde Stabilität in den Muskeln. Klar kann auch mal durch ein Trauma eine Blockade entstehen, dennoch ist der chronische Fall deutlich häufiger in der Praxis.
Der Begriff Blockade beschreibt dabei meist eine funktionelle Bewegungseinschränkung und keine fest verschobene Struktur.
Ein Punkt, der mir dabei noch wichtig ist: Viele arbeiten mit einem viel zu langen Hebel. Das sieht spektakulär aus, ist aber für den Körper deutlich ungenauer und oft auch belastender. Dabei können erhebliche Verletzungen und Schädigungen entstehen.
Was heißt das konkret?
Beim langen Hebel wird die Kraft über einen größeren Körperabschnitt übertragen, zum Beispiel über das ganze Bein oder die Wirbelsäule. Das Problem dabei: Die Bewegung landet nicht nur in dem einen Gelenk, das man eigentlich behandeln möchte, sondern verteilt sich über mehrere Gelenke. Der Körper nimmt sich dann irgendwo den Weg, der gerade am leichtesten ist. Das kann auch ein ganz anderes Gelenk sein als das, auf das man eigentlich abzielt.
Das heißt: Man denkt, man behandelt gezielt ein Problem, in Wahrheit reagieren aber mehrere Strukturen gleichzeitig. Dadurch wird es ungenauer und im Zweifel auch belastender für Gelenke, die gar nicht im Fokus stehen sollten.
Beim kurzen Hebel ist das anders. Hier arbeitet man nah am betroffenen Gelenk, mit kleinen, gezielten Bewegungen. Die Kraft wird deutlich kontrollierter und präziser eingesetzt. Man spricht gezielt die Struktur an, die man auch wirklich erreichen möchte, ohne dass der Rest des Körpers mitziehen muss.
Das ist in meinen Augen ein großer Unterschied zwischen grobem Arbeiten und wirklich professioneller Technik. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern gezielt, kontrolliert und angepasst an das einzelne Gelenk und das Tier.

Was wird leider meist vergessen?
Meist hängt es dann an der Spannung und dem aktuellen Trainingszustand der Muskulatur. Sie hält zusammen mit dem Bindegewebe, Faszien und Nervensystem die Grundspannung. Dieser Fakt ist in meinen Augen absolut essenziell. Denn hier wird leider das meiste Geld im therapeutischen Bereich mit Tierhaltern gemacht. Die Muskulatur wird nie richtig auftrainiert und richtig geschult. Daraus folgernd verzieht sich der gesamte Bewegungsapparat. Die Schiefe wird von Mal zu Mal immer schlimmer und die ersten dauerhaften Probleme stellen sich ein. Sehnenprobleme, Überlastungen, fehlende Stabilität und später auch Arthrosen, Arthritis u. v. m. Die Muskulatur und auch das Nervensystem werden so oft vergessen und nicht deutlich genug unter die Lupe genommen. Kleiner Tipp am Rande: Die meisten Trainingspläne werden auch nicht oft genug angepasst. Sei es die Länge, Intensität, Abwechslung oder auch die Abstände der Einheiten.
Gerade bei instabilen Strukturen, Entzündungen oder Schmerzen ist deshalb Vorsicht geboten. Nicht jede Technik passt zu jedem Tier und nicht jeder Zeitpunkt ist sinnvoll.
Was kann der Tierhalter also machen?
Ab ins Training =) Und davor vielleicht beim Therapeuten des Vertrauens mal die Baustellen offenlegen lassen. Wo klemmt’s? Wo fehlt Muskulatur? Wo sind Schwachstellen? Hat das Tier Schmerzen? Wo könnte man noch ansetzen? Einfach mal alles durchschauen lassen und entscheiden, was man alles im Alltag machen könnte. Es braucht kein teures Equipment und mit den Basics kann man schon eine Menge machen. Es gibt eigentlich keine richtige Ausrede für Training. Junge, Adulte, Senioren und selbst für geschwächte Tiere gibt es Möglichkeiten fürs Training. Die wichtigsten Pfeiler müssen aber eingehalten werden. Was kann der Körper aktuell leisten? Wie viel kann man trainieren? Wann kann man immer trainieren? Lieber öfter kurz oder länger? Liegen Probleme vor, die beachtet gehören?
Stabilität entsteht nicht durch Manipulation, sondern durch gezieltes Training.
Natürlich sollte das Training pausieren, wenn Entzündungen, frische Operationen oder andere Probleme vorliegen. In solchen Situationen kann man sich super mit Tierärzten und Therapeuten kurzschließen.
Viele Wege führen nach Rom und jeder geht Probleme anders an. Dennoch sollten bei solchen Problemen alle Seiten beleuchtet werden und das Wohl des Tieres an erster Stelle stehen. Deshalb ist es mir wichtig, darüber zu schreiben und zu versuchen, den Tierhaltern viele Sichtweisen zu geben.
Das Ziel ist nicht, ein Geräusch zu erzeugen, sondern die Ursache für die Bewegungseinschränkung zu verstehen und nachhaltig zu verändern.
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