Verbindungskompass

Viele Tierhalter suchen Lösungen, doch trotz Training, Therapie und Diagnostik bleiben Probleme oft bestehen. Der Verbindungskompass hilft dabei, Zusammenhänge zwischen Mensch und Tier sichtbar zu machen und neue Ansätze zu erkennen, die im Alltag häufig übersehen werden.
Autorin
Magdalena Schorn
Veröffentlicht
March 24, 2026
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Verbindungskompass

Tagtäglich sehe ich Tierhalter, die nach Lösungen suchen. Sie durchsuchen das Internet, wälzen Bücher und buchen Seminare. Viele Probleme bei ihren Tieren lösen sich trotzdem nicht. Der Tierarzt findet keine Ansätze, die Tiertrainerin ist auch langsam durch und körperlich kommen die gleichen Themen immer wieder zurück. Vielleicht kennst du das: Dein Tier zeigt immer wieder ähnliche Auffälligkeiten, wird nicht wirklich stabil oder fällt nach kurzer Zeit wieder in alte Muster zurück, obwohl du längst angefangen hast, Dinge zu verändern. Und genau an diesem Punkt lohnt es sich, eine unbequeme Frage zu stellen: Was, wenn die Lösung nicht dort liegt, wo du bisher gesucht hast?

Genau hiersetzt der Verbindungskompass an. Das Problem wird von allen Seiten betrachtet. Wie lange ist es schon da, wann ist es grob entstanden, wer war alles beteiligt, ist es ein reines Problem des Tieres, sind Themen der Menschen beteiligt, ist etwas Traumatisches passiert oder spiegelt das Tier vielleicht den Menschen? Der Verbindungskompass steht genau dafür: Alle Aspekte zu beleuchten. Nicht nur Einzelheiten zu sehen, sondern das Gesamtbild zu erfassen. Wie ein Netzwerk oder eine Matrix. Ein Funktionsprinzip, in dem ein Anstoß eine Kettenreaktion auslöst und vieles in Bewegung bringt. Beispielsweise versteht man als Mensch, warum der Hund plötzlich wieder auflebt und deutlich mehr Bewegung zeigt, nachdem der Mensch das verstorbene Rudelmitglied gedanklich hat gehen lassen. Oder das Pferd, das sich endlich wieder der Herde anschließt, nachdem die Tierhalterin ihr Stressmanagment geändert hat.

Das klingt anfangs etwas verrückt und seltsam. Der Alltag zeigt sehr deutlich, wie stark der Mensch mit seinem System die Tiere beeinflusst. Wissenschaftlich ist belegt, wie sensibel Tiere auf unsere Körpersprache, unseren Geruch und unsere Gestik reagieren. In meinem Alltag zeigen sich darüber hinaus noch deutlichere Zusammenhänge. Der wichtigste Punkt, der mir hier am Herzen liegt: Ein großer Teil unseres Handelns läuft unbewusst ab. Kein Mensch verhält sich absichtlich schädlich gegenüber seinem Tier. Viele Handlungen entstehen automatisiert und sind ein Schutzmechanismus unseres Systems. Die Wissenschaft kann diese Zusammenhänge bisher nur in Teilen abbilden. Die einzelnen Situationen sind Beispiele und Beobachtungen aus meiner täglichen Arbeit. Ich würde gerne warten, bis alles im Detail belegt ist, aber ich befürchte, dass ich das so nicht mehr erleben werde. Und so lange möchte ich nicht warten.

Ich arbeite jetzt knapp ein Jahr konkret mit diesem Projekt, aber die Denkweise und das Beobachten im Alltag begleiten mich schon deutlich länger. An dieser Stelle möchte ich ein paar Beispiele nennen, um den Bedarf noch klarer zu machen:

Eine ältere Dame mit älterem Hund kam in die Praxis mit Verspannungen im Rücken und immer wiederkehrenden Blockaden. Im Erstgespräch hielten wir alles zunächst oberflächlich, um zu differenzieren, welche Themen relevant sein könnten: alte Verletzungen, vererbbare Erkrankungen, Haltungsbedingungen etc. Im Zweitgespräch erzählte mir die Dame dann von einem Zweithund. Sie sei immer so lieb und deshalb nicht so präsent gewesen. Sie hatte sie aufgenommen, damit der erste Hund nicht immer allein ist. Zudem hatte sie vor drei Jahren einen Tumor, der operativ entfernt wurde. Seitdem gibt es keinen Befund mehr. Trotzdem bekommt sie das nicht aus dem Kopf und macht sich viele Sorgen. Bei Kleinigkeiten gehen sie sofort zum Tierarzt, ohne dass etwas gefunden wird. Ich stellte weitere Fragen, um andere Ursachen auszuschließen. Sie bekam Übungen und Impulse für ihr Gedankenkarussell. Drei Wochen später kam sie zum Folgetermin und berichtete, dass ihr Senior wieder besser läuft, leichter aufsteht und mehr Lebensfreude zeigt.

Das zweite Beispiel zeigt sehr deutlich, wie sehr Pferde unsere Last tragen können. Eine junge Dame, geschäftlich sehr erfolgreich und motiviert, erzählte mir von ihrem Pferd. Es wollte sich seit Monaten nicht richtig in die Herde integrieren, stand immer außen und wurde regelmäßig ausgeschlossen. Als wüsste es nicht,dass es ein Herdentier ist. Wir begannen mit den Standardfragen: Dauer der Integration, Ablauf, körperlicher Zustand inklusive Befunde, Haltungsmanagement. Nachdem alles differenzialdiagnostisch abgeklärt war, gingen die Fragen in ihre Richtung. Sie erzählte, wie gut sie beruflich aufgestellt ist und wie schnell sie sich eine gute Position erarbeitet hat. Gleichzeitig berichtete sie von Schwierigkeiten im Kollegenkreis, auch das Thema Mobbing kam zur Sprache. Als Ausgleich verbringt sie viel Zeit mit ihrem Pferd und fühlt sich danach erleichtert. Sie bekam Impulse zu Abgrenzung, tierunabhängigem Stressabbau und gezielten Verbindungsübungen. Sechs Wochen später zeigte sich eine deutliche Veränderung: Ihr Pferd war zunehmend integriert und wurde Teil der Herde.

Ein drittes Beispiel: Ein Tierhalter kam mit seinem fünf Jahre alten Hund zu mir und war sich unsicher, ob er überhaupt richtig ist. Wir sammelten zunächst alle Informationen: körperliche Themen, tierärztliche Befunde, bisherige Behandlungen. Der Hund zeigte sich lethargisch, wenig motiviert und ohne Spielfreude. In der weiteren Abklärung wurde deutlich, dass der Halter vor einiger Zeit seinen alten Hund verloren hatte. Das Thema war emotional noch sehr präsent. Mir fiel auf, wie stark der aktuelle Hund mit dem verstorbenen verglichen wurde. Der Halter bekam Impulse zur Trauerverarbeitung, zum bewussten Abschied und zur neuen Vertrauensarbeit. Fünf Wochen später zeigte sich eine klare Veränderung im Verhalten des Hundes.

Diese Beispiele sind alle real und natürlich nicht immer leicht nachzuvollziehen. Es ist eine Frage des Blickwinkels und der Diagnostik. Deshalb ist es beim Verbindungskompass so wichtig, alles mit einzubeziehen. Wurde jede relevante Instanz abgeklärt? Tierarzt, Therapeut, Trainer, Tierpsychologe, Tierheilpraktiker, Hufschmied, Sattler. In manchen Fällen breche ich Gespräche bewusst ab und verweise zunächst weiter. Eine saubere Herangehensweise ist für mich entscheidend. Eine Rückenverspannung kann viele Ursachen haben: orthopädische, viszerale, stoffwechselbedingte oder auch psychische Einflüsse. Es geht darum, diese Faktoren gemeinsam zu betrachten und sinnvoll einzuordnen. Besonders aufmerksam werde ich, wenn Probleme über längere Zeit bestehen, keine klare Ursache gefunden wird und der Satz fällt: „Wir haben schon allesversucht.“

Genau hier setzt diese Arbeit an und ich möchte nachhaltig dazu beitragen, dass Mensch und Tier gleichermaßen stabiler, entspannter und langfristig gesünder durchs Leben gehen.

Gleichzeitig ist mir wichtig, den Menschen hinter dem Tier fachlich gut begleiten zu können. Deshalb befinde ich mich aktuell in der zweijährigen Ausbildung zur systemischen Beraterin. Dieser Ansatz hilft mir, Zusammenhänge noch klarer zu erfassen, Gespräche gezielter zu führen und Themen strukturiert zu betrachten, ohne vor schnell zu bewerten oder zu interpretieren.

Denn am Ende geht es nicht nur darum, am Tier zu arbeiten. Es geht darum, das Zusammenspiel zu verstehen und so zu begleiten, dass Veränderungen für beide Seiten nachvollziehbar und umsetzbar werden.